Als ich mich zu Beginn des Jahres 2011 erstmals mit dem Thema “Pedelec-Nachrüstung” befasste, gab es praktisch keine Möglichkeit, einen Tretlagermotor mit ordentlicher Reichweite nachzurüsten. Seit etwa Mitte 2012 ist jedoch ein Tretlagermotor zum Nachrüsten der japanischen Firma Sunstar in Deutschland verfügbar und der Berliner Elektrofahrrad-Shop “Bikenest” hat mir dankenswerter weise ein solchermaßen nachgerüstetes Rad zum Test zur Verfügung gestellt.
Bei dem Fahrrad handelt es sich um ein Café Racer der polnischen Radschmiede “Creme”, deren Markenname eine Abkürzung für “CREative MEans of transportation” ist, was auf deutsch in etwa “Kreatives Mittel zum Transport” bedeutet.

Creme Café Racer mit Sunstar Mittelmotor
Wie alle anderen Creme-Räder, die in Europa entwickelt und handgefertigt werden, ist das Café Racer eine rollende, stilvolle Liebeserklärung an Material, Details und Handwerkskunst. Das Testexemplar, lackiert in einem betörenden Metallic-Blau, bringt die grazile, zeitlose Eleganz eines gemufften Stahlrahmens bestens zur Geltung.

Tradition & Moderne: Gemuffter Stahlrahmen und innenverlegte Züge
Vor den Unbilden der Straße schützen lackierte Schutzbleche, deren Name wörtlich zu nehmen ist; das rechte Hosenbein wird von einem ebenfalls aus lackiertem Stahlblech gefertigten Kettenschutz vor möglichem Fettschmutz bewahrt. Moderne Details wie im Rahmen verlegt Züge oder die formschönen und gleichzeitig handschmeichelnden Schnellverschlüsse am radial gespeichten Vorderrad und der Sattelstütze stören in keinster Weise die klassisch anmutende schmale Silhouette, wie sie so wohl nur mit einem Stahlrahmen realisiert werden kann.

Wildledersattel und verchromtes Cockpit mit Lenkerband aus Glattleder
Der Sattel aus Wild- und das gelochte Brooks-Lenkerband aus Glattleder verstärken, gemeinsam mit den verchromten Hohlkammerfelgen, den Seitenzugbremsen und den Weisswandreifen von Schwalbe das klassische Erscheinungsbild des Rades, so dass die bewährte und robuste Shimano Dreigang-Nabe praktisch nicht störend auffällt. Das ein Fahrrad umso schöner ist, je weniger dran ist, wird hier durch die fast völlige Abwesenheit von Reflektoren und das absolute Fehlen einer Beleuchtung einmal mehr deutlich. Das Café Racer gehört eindeutig zu der Sorte Fahrrad, bei der man immer wieder gerne länger im Radkeller verweilt um immer neue Details und Blickwinkel zu entdecken.
Doch genug gekuckt, jetzt wird gefahren! Die Sitzposition ist entspannt-aufrecht und sorgt für eine gute Übersicht; so in etwa muss man auf Vaterland-Rädern gesessen haben. Das lederne Lenkerband liegt besser in der Hand als gedacht, dank fehlendem Rücktritt kann man die Pedale wie gewohnt in die passende Startstellung bringen. Beim Antritt erscheint es mir, als stimme etwas mit dem Pedalarm nicht, er gibt beim Treten etwas nach. Vermutlich liegt das an der Motorsteuerung per Kraftsensor, eine Eigenart, an die ich mich jedoch schnell gewöhne.

Bewährt und robust: Drei-Gang-Nabenschaltung von Shimano
Zunächst lasse ich den Motor aus; ich bin schon eine geraume Weile keine Dreigang-Nabenschaltung mehr gefahren und möchte erst mal sehen, was damit geht. Erstaunlich wie leicht und schnell sich die Gänge wechseln lassen, die Tretpause kann sehr kurz ausfallen. Das hatte ich von früher ganz anders im Gedächtnis. Der Café Racer beschleunigt spritzig, der nicht aktivierte Motor ist kaum zu spüren. Im Nu ist die Hauptstraße erreicht und ich ziehe beherzt an den Bremshebeln, immerhin sind ja “nur” Seitenzugbremsen verbaut. Doch die bremsen weit besser als gedacht! Eigentlich kein Wunder: Es handelt sich hier um Exemplare mit aktueller Technik aus dem Radrennsport und die sind in Dosierbarkeit und Wirkung um Lichtjahre von den Seitenzugbremsen früherer Jahre entfernt.
Während ich einigen Autos die Vorfahrt lasse, aktiviere ich die Elektrounterstützung: Griffgünstig rechts oben am Akku, der an den Gewindeösen des Trinkflaschenhalters montiert ist, findet sich der Hauptschalter, der mit einer grünen LED über den Betriebszustand des Systems informiert. Mit seiner Hülle aus gebürstetem Aluminium geht der Energiespeicher fast als überdimensionierte Thermosflasche durch und hilft durch seine schwerpunktgünstige Einbaulage das Zusatzgewicht des Rades zu kaschieren. Später beweist der Tragetest in den Keller, dass dies gut gelungen ist: Weder behindert eine ausgeprägte Heck- noch eine besondere Frontlastigkeit das Tragen des ca. 19,3 kg schweren Rades. Doch wir sind jetzt nicht im Keller! Ein kurzer Druck auf die “On”-Taste des am Lenker montieren, übersichtlichen Bedienpanels, und das System ist mit Unterstützungsmodus “Normal” eingeschaltet.

Übersichtliches Bedienpanel des Sunstar-Antriebs
Der letzte PKW ist vorbei, los geht`s! Gewohnt an Antriebe mit Trittsensor, die erst nach gut einer Pedalumdrehung unter-stützen, überrascht mich der Antritt des über Drehmomentsensoren gesteuerten Sunstar-Motors: Schon bei leichtem Druck auf das Pedal unterstützt der Motor kraftvoll mit leicht mahlenden Geräuschen, und spannt schon beim Anfahren kräftig die Muskeln. Das macht richtig Laune und ruckzuck sind die drei Gänge der Nabenschaltung durchgeschaltet. Durch den relativ langen Nachlauf läuft der Café Racer trotz des kurzen Rahmens schön ruhig geradeaus; das gibt mir Gelegenheit mich in Gedanken etwas mit dem nachgerüsteten Mittelmotor zu beschäftigen.
Der S03+ von Sunstar ist an praktisch jedem Rad nachrüstbar, das über einen Tretlagergehäusedurchmesser zwischen 33,8 und 34,2 mm und eine Tretlager-gehäusebreite zwischen 68 und 72 mm verfügt sowie keine hervorstehenden Teile am Tretlagerhäuse aufweist. Der Motor selbst ist lediglich über drei Steckverbindungen mit Akku, Bedienpanel und Geschwindigkeitssensor verbunden, was die Montagearbeiten erleichtert. Beim Einschalten des Systems ist der Unterstützungsgrad auf “Normal” eingestellt, der Motor verdoppelt also die aufgewendete Pedalkraft. Insgesamt gibt es drei Unterstützungsmodi: “Eco” mit 75%, “Normal” mit 100% und “Turbo” mit 150%iger Unterstützung. Der Hersteller gibt als Reichweite jeweils maximal 54 km bei “Eco”, 43 km bei “Normal” und 21 km bei “Turbo” an, natürlich immer in Abhängigkeit von diversen Faktoren wie Gesamtgewicht, Gegenwind, Steigung oder Außentemperatur.
Die Steuerung des Antriebs erfolgt über das am Lenker montierte Bedienpanel, welches durch gute Übersicht und Bedienbarkeit glänzt: Ein Folientaster zum Ein-, einer zum Ausschalten des Systems, ein dritter zum Wählen der dreistufigen Unterstützung (75%, 100%, 150%), dazu eine dreistufige Ladezustandsanzeige, das war`s. Ein wohltuender Gegensatz zu dem von vielen Anwendern als recht kompliziert gescholtenen Bedienpanel des beliebten Boschmotors. Wobei die Genauigkeit der Ladezustandsanzeige ruhig etwas verlässlicher sein könnte: Ihr Pendant am Kopfende des Akkus, welche nach Druck auf einen kleinen Taster

Ladezustandskontrolle am Akku
über den aktuellen Ladezustand der Energiequelle informiert, ist deutlich genauer, aber während der Fahrt schlechter erreichbar.
So, genug eingefahren, jetzt will ich mal sehen, was geht. Bevor ich den ersten Anstieg auf meiner Testrunde erreiche schalte ich die Unterstützung auf “Turbo” und das Café Racer macht seinem Namen alle Ehre: Der Motor schiebt noch etwas kräftiger an und die ganze Fuhre locker den Anstieg hoch. Der Sunstar-Motor darf, wie alle anderen Pedelec-25-Motoren nur bis maximal 25 km/h unterstützen, damit ein solchermaßen nachgerüstete Rad noch als Fahrrad gilt. Die Information über die gefahrene Geschwindigkeit holt sich das System über einen Geschwindigkeitssensor. Dieser ist beim Testrad von Bikenest an der linken Kettenstrebe montiert und meldet die vom, zum Stil des Rades passend, verchromten Speichenmagneten übermittelte gefahrene Geschwindigkeit an die komplett im Motorgehäuse untergebrachte

Geschwindigkeitssensor und Speichenmagnet sind an der linken Kettenstrebe verbaut
Elektronik. Auf den Anstieg folgt eine Gerade und dort unterstützt der Antrieb laut Tacho bis etwa 28 km/h, so dass mit dem Rad, trotz nur drei Gängen, auch die ein oder andere Überlandtour möglich ist. Die aufrechte und bequeme Sitzposition erlaubt dabei ein prima Sightseeing, diverse Frost- und Wurzelaufbrüche auf dem Radweg sorgen jedoch dafür, das ich an der dem Rahmenmaterial Stahl nachgesagten Flexibilität zweifele. Da bin ich wohl durch mein Fully zu sehr verwöhnt. Also Geschwindigkeit raus und gedanklich auf Cruising-Modus schalten. Zwischenzeitlich habe ich den nächsten Ort durchquert, und auf dem leichten Anstieg am Ortsausgang überhole ich still vor mich hin grinsend einen schnaufenden Mountainbiker. Der würdigt mich keines Blickes… Auf der jetzt folgenden langen und rasanten Abfahrt mit locker bis zu 50 km/h zeigt sich der gemuffte Rahmen des Café Racers als verwindungssteif und stabil. Ich bin mit einem Rucksack unterwegs, mit Gepäck am Heck (die Trägermontage ist durch

Praktisch & schön: Gewindeösen an der Sattelstrebe, Jagwire Bowdenzüge
Gewindeösen am Rahmen problemlos möglich) wäre das möglicherweise anders. Jedoch würde ein Gepäckträger und -taschen die “cleane” Optik des Rades nachhaltig verhageln.
Die über Jagwire-Bowdenzüge in Stahflexoptik betätigten Bremsen fangen die Fuhre vor dem nächsten Kreisel zuverlässig ein und weiter geht es über die hügelig verlaufende Straße durch ein Neubaugebiet. Die Straße ist nass und ich bin über die wirkungsvollen Schutzbleche froh, da die Baustellenfahrzeuge die Straße ordentlich “geerdet” haben. Langsam nähere ich mich der Schlüsselstelle meiner Testrunde: Einer bis zu 11% steilen, langen Steigung, die praktisch ohne Schwung direkt aus einem Kreisel heraus angefahren werden muss. Ab einer Entfaltung kleiner etwa 250 cm spricht man bei einem Rad von Bergtauglichkeit und natürlich ist die am Café Racer verbaute Nexus-Dreigang-Nabe hier mit ihrer Entfaltung von 412 cm, 564 cm und 767 cm weit von einem solchen Wert entfernt. Aber gerade in dieser Konfiguration kann der Sunstar-Motor zeigen was er kann. Und das tut er: Mit bis zu 13 km/h schiebt er mich bei kräftigem Treten den Berg hinauf. Bedingt durch die Übersetzung der Nabe ist dabei die Belastung an den Kniegelenken recht hoch: Für bergige Strecken ist ein Rad mit Dreigang-Nabe auch mit Elektrounterstützung weniger gut geeignet.
Dieser Testabschnitt bestätigt jedoch trotzdem eindrucksvoll die von Sunstar angegebenen technischen Daten des Motors:
Als Dauerleistung wird ein Drehmoment von 11 Nm genannt, dass, für einen Elektromotor typisch, ab der ersten Umdrehung anliegt. Zum Vergleich: Der (Verbrennungs-) Motor einer 125er Vespa LXV bietet laut Herstellerprospekt 9,6 NM bei 6.500 Umdrehungen pro Minute! Das Gewicht des Sunstar-Motors liegt nach Herstellerangabe bei etwa 3,2 kg, die durch die Einbaulage in der Fahrzeugmitte konzentriert sind.

Akku mit Gehäuse aus gebürstetem Aluminium und Motor unter dem Tretlager
Das Design des Motors fügt sich dabei mit seinen runden Formen relativ unauffällig in das Gesamterscheinungsbild des Fahrrades, ist jedoch etwas auffälliger als ein Hinterradnabenmotor.
Am Ende der Steigung zeigt die Ladeanzeige am Lenker nichts mehr an, am Pendant am Akku leuchtet noch eine LED. Auf der restliche Strecke meiner Testrunde geht es überwiegend bergab, der verbleibende ”Reststrom” reicht also noch, um gut nach Hause zu kommen, trotzdem schalte ich die Unterstützung vorsichtshalber wieder in den Normalmodus zurück. Sicherlich ist der niedrige Ladezustand des Akkus zum Teil ein Tribut an die Belastungen durch die Steigungen der Testrunde und die niedrigen Außentemperaturen (zum Zeitpunkt des Fahrberichts herrschten knackig-kalte minus 10 Grad Celsius!).

24 Volt x 9 AH = 216 WH
Andererseits handelt es sich bei dem verbauten Sunstar-Motor um einen Antrieb mit 24 Volt Spannung. Die “Reichweite” eines Pedelecs wird im Allgemeinen mit der Anzahl der Wattstunden (WH) des Akkus beschrieben. Bei einem auf 24-Volt ausgelegten System erge-ben sich bei einem Akku mit einer Kapazität von 9 AH (24×9=) 216 WH. Bei gleicher Akkukapazität kommt ein auf 36 Volt basierender Antrieb auf (36×9=) 324 WH. Das bedeutet, dass bei vergleichbarer Belastung die Reichweite des am Creme Café-Racer verbauten Sunstar-Antriebs geringer ist als bei einem vergleichbaren 36-Volt-Antrieb.
Mein Fazit:
Das Creme Café-Racer ist einen Augenweide: Styling und Finish machen es zu einem echten Hinkucker für radaffine Menschen, dabei bleibt es preislich noch sehr im Rahmen. Durch die verbaute Dreigang-Nabe ist das Rad aber nur bedingt für hügeliges Terrain geeignet. Es fühlt sich am wohlsten in flachen Gegenden und ist durch seinen Wendigkeit prädestiniert für den Stadtverkehr. Zu diesem Szenario passt der verbaute Sunstar-Motor ideal: Mit seinem kräftigen Antritt hilft er beim Ausnutzen der kleinsten Lücken in der Blechschlange und dabei, beim Ampelstart die erreichte Pole-Position zu wahren. Jedoch nur, solange die Hügel und Anstiege in der City nicht zu zahlreich und/oder steil sind. Dann geht dem Akku schnell die Puste aus. Für längere Touren mit Stromunterstützung wünsche ich mir persönlich entweder eine höhere Akkukapazität oder gleich ein 36-Volt-System. Sunstar bietet noch einen Akku mit 16 AH Kapazität an, der jedoch im Gepäckträger unterge-bracht ist und deshalb am Café Racer nicht zur Verfügung stand.
Uneingeschränkt positiv ist die Variabilität bei der Nachrüstung auf Grund der Einbaulage des Motors im Tretlager zu werten. Egal ob ein Rad mit Naben- oder Kettenschaltung umzurüsten ist, die Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch, dass der Motor passt. Ein Wermutstropfen ist der Preis: Rund 1.349 € (Stand: 27.04.2013) reißen ein recht großes Loch in den Geldbeutel, jedoch lässt der Fahrspaß danach die Investition schnell vergessen. Und: Preiswerter als ein komplett neues Pedelec ist der Umbausatz allemal.
Danksagung:
Mein Dank geht an den Elektrofahrradshop Bikenest in Berlin für das zur Verfügung stellen des Testrades.
